28.12.2015 – ALT – Generation Weltreise – Die verlassenen Eltern

773734_935776573174001_768356058556734857_oWeihnachten ist vorbei. Die besinnlichen Tage haben mich etwas um meine Besinnung gebracht! Alles war anders als geplant. Meiner Mutter musste vor 8 Wochen eine Brust abgenommen werden. Brustkrebs mit 79 Jahren. Dann kam die Bestrahlung. Der Krebs war wohl einer von der aggressiveren Sorte. Aber die gute Nachricht ist: er hatte wohl noch nicht gestreut. Immerhin. Im Anschluss an die Bestrahlung käme nun die sogenannte „Anschlussheilbehandlung“ in Form eines Aufenthaltes in einer dafür geeigneten Klinik. In diesem Fall einer Klinik in Bad Neuenahr. Doch wohin mit Vater mit seiner Pflegestufe 1? Meine Mutter hatte mühselig ab dem 5.1. einen Platz in einem Kurzzeit-Pflegewohnheim organisiert und die entsprechenden Anträge gestellt. Die Kliniken waren gut belegt. Und für Vater mit seiner Pflegestufe 1 eine sogenannte Kurzzeitpflege in einem entsprechenden Wohnheim zu erhalten ist nicht so einfach. Die Krankenkassen meinten, dass wir Töchter uns ja um ihn kümmern könnten. Haha. In Grenzen ja. Aber nicht täglich drei Mahlzeiten.
Dann kam die bombige Nachricht, dass Muttern die Anschlussheilbehandlung ab dem 20.12. antreten müsse, sonst übernimmt die Kasse nichts. Aha. Es war schon der 15.12. und die Klinken sind alle langfristiger in der Planung. Meine Mutter brach förmlich zusammen. Dank meiner Schwester und einiger anderen Leute, die sich darum kümmerten konnte nun dann doch alles noch so organisiert werden, dass es passte. Mutter konnte ab dem 21.12. mit Ausnahmeregelung einchecken, da der 20.12 ja ein Sonntag war. Aber unser aller Familien-Weihnachten war nun planerisch im Eimer. Neue Planungen mussten her. Hat dann auch soweit geklappt . Die Kehrseite ist allerdings, dass meine Mutter jetzt dank Feiertagen und Wochenende weniger Anwendungen erhält. Es ist eben Weihnachten und das Personal will sich auch mal um die Familie kümmern. Ist doch verständlich. Dann zahlt die Kasse eben einen Mutter-Urlaub, wo sie endlich mal alleine ist und sich nicht um Vater oder sonst etwas kümmern muss. Ein Leben ohne Streit, ohne Einkaufen und ohne kochen! Sehr entspannend. – Sollte man meinen…

Mein Vater sitzt jetzt also in einem Wohnheim ein. Zuerst dachten wir alle: wie schön, da kann er mal mit anderen Leuten Kontakte machen, vielleicht noch mal mit jemandem Schach spielen oder sich nett unterhalten. Falsch gedacht. Man kann mit den dortigen Bewohnern keinen „netten“ Kontakt aufbauen. Ich saß gestern drei Stunden mit am Gemeinschaftstisch, der nett geschmückt war mit Weihnachtsdekoration und Kerzen. Die Flur-Damen waren alle sehr unterschiedlich, aber überwiegend saßen sie stumm herum. Eine bleischwere Stille, zerschnitten mit krächzenden Tönen aus irgendeinem Radiosender mit Volksmusik. Gelegentliche Gesprächsanläufe gab es schon, eine Unterhaltung wurde daraus aber nicht. Am lebendigsten war noch die „Hundertjährige“, die eigentlich erst fünfundneunzig ist und am 8. März 96 wird. Ihre zwei einzigen Zähne sind Eckzähne im Unterkiefer, die kaum die Zunge halten können. Dadurch entsteht eine Art Lallen, was die Dame durch eine feste Stimme und überartikuliertes Sprechen versucht aus zu gleichen. Klappt aber nicht immer. Die Themen drehen sich um die Anzahl der Kinder oder Enkelkinder, Söhne oder nicht Söhne, Berufe der Söhne (nicht: Berufe der Töchter…). Die Hundertjährige war sehr sympathisch und pfiffig und erzählte mit glänzenden Augen dies und das. Eine feine Dame mir gegenüber fragte mehrmals in die Runde etwas spöttisch: „Nee, ne neee – wo bin ich hier eigentlich gelandet?“ was ich völlig fälschlich auf die Qualität der Runde bezog. Aussagen wie: „Wenn ich wüsste, wie ich hier her gekommen bin“ und „wo muss ich eigentlich hin?“ zeigten mir, dass sie tatsächlich keine Ahnung hatte wo sie war! Da kam Herr Schröder, Jahrgang 27, mit übertrieben guter Laune, immer ein kesser Spruch auf den Lippen. Leider oftmals der gleiche Spruch. Die feine Dame mit ihren vornehmen Bewegungen fragte ihn: „Wo muss ich gleich eigentlich hin“ – und Herrn Schröder antwortete belustigt während er sich zu ihr ans Ohr beugte: „Du wirst gleich abgeholt! Wir werden alle hier abgeholt! Früher oder später! Schon scheiße, Schätzchen, oder? Du findest das doch auch scheiße, stimmt’s?“ – Da funkelten die Äugelein der „Wo bin ich“- Dame und ganz verlegen sagt sie sehr langsam und ein wenig entrüstet: „Also, nee, so etwas sage ich nicht! Sch.. schhh.. nee das Wort würde ich niemals in den Mund nehmen! Ich sage höchstens (lauter) KACKE!“ und dabei hob sie mit geschlossenen Augen stolz den Kopf!
Wo ist mein Vater hier gelandet…. heftig. Vor vier Wochen habe ich noch mit einem 80 jährigen Cellisten Anton Webern op. 91 geprobt und aufgeführt und mit meinem Vater sehr ernsthaft darüber diskutiert. Ich kenne viele Leute in diesem Alter, die nicht fünf mal die gleiche Geschichte erzählen sondern die besser politisch oder kulturell informiert sind als ich. Leute, die noch mitten im Leben stehen. Mit ihnen ist ein verbaler Austausch möglich. Hier in dem Pflegeheim ist nur noch Austausch auf einer emotionalen Ebene möglich. Worthülsen transportieren Unwesentliches. Das Wesentliche liegt in der Melodie und dem Klang der Worte. Nun gut.

Herr Schröder erzählte stolz, dass er beruflich Baggerführer bei Rhein Braun war. 30 Jahre lang. Schichtdienst. Morgens. Mittags. Abends. Das wäre Gift für den Körper. Morgens. Mittags. Abends. Aber „wat willste machen, irgendwie muss man ja Geld verdienen.“ Und er hätte gut Geld verdient! Innerlich bedanke ich mich bei Herrn Schröder (Morgens. Mittags. Abends.) dass er seinerzeit diesen Job gemacht hat und die verstromte Braunkohle bei mir aus meiner Steckdose kommen konnte. Morgens. Mittags. Abends. Mit fünf Leuten auf einem dieser Riesen. Bei jedem Wetter. Winter wäre besonders hart gewesen. Da war es so früh dunkel. Die Mittagsschicht wäre die schlechteste gewesen. Ab 13 Uhr bis 22 Uhr. Kam man nach Hause war es noch eine halbe Stunde später – und die Frau lag schon im Bett. Von diesen Tagen hatte man nichts. Verlorene Tage. Aber: „wat willste machen…!“ Herr Schröder hat immer gute Laune, sieht 10 Jahre jünger aus, mindestens, bewegt sich flüssig, ist ein großer, seriöser, stattlicher Mann, aber: Morgens. Mittags. Abends. Schichtdienst. Doch: wat willste machen. Er ist mir sympathisch. Er hat für meinen Strom gearbeitet! Morgens. Mittags. Abends. Danke, Herr Schröder! Aber ich bin auch traurig über dieses „Morgens. Mittags. Abends.“. Und das Warten darauf, dass man „abgeholt“ wird. Und bis dahin? Was ist bis dahin? Völlige Perspektivlosigkeit. Alles retardiert. Der Body, die Gedanken… machtlos schaue ich zu und es gruselt mich, was da auf mich zukommt (im besten Falle natürlich). Ein Regisseur, mit dem ich mal zusammen gearbeitet habe meinte mal, dass so eine ordentliche Demenz für die Betroffenen selbst wohl das Beste sei. Wenn er wählen könnte, dann würde er das gar nicht so schlecht finden. Jetzt kann ich ihn verstehen. Wenn man selbst in der Schleife ist, dann ist dieses „Morgens. Mittags. Abends.“ vielleicht gar nicht so schlimm. Wer weiß. Mein Vater gehört jedenfalls noch nicht zu diesen Schleifen-Quatschern!! So weit ist er noch nicht! Mit der Betonung auf NOCH. Auch er ist langsamer geworden durch seinen Hirnschlag vor 15 Jahren. Langsamer in den Bewegungen und langsamer in der Sprechweise. Außerdem: gut Hören geht schlecht. Aber schlecht Sehen geht gut.

Schöne Aussichten.

Schlimme Weihnachten.

Wie wird das in 25 Jahren sein, wenn Zoë mich vielleicht in einem Heim besuchen kommen wird… so lange ist das nicht mehr hin! Das Gefühl, viel zu wenig „gute“ Zeit gemeinsam verbracht zu haben überkommt mich. Gute Zeit mit meinen Eltern und gute Zeit mit meiner Tochter. Immer war mit meinen Eltern irgend ein Stress. Sehr schade. Und als Zoë aufwuchs musste ich dann auch immer unglaublich viel arbeiten . Gute Zeit gemeinsam gab es sehr sehr wenig. Aber es gab sie.
Was ist jetzt für eine Zeit? Keine gute für mich jedenfalls. Aber hoffentlich für Zoë!

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