26. September: WhatsApp Generation Weltreise – Die verlassenen Eltern

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Technik sei Dank: immer kommen via WhatsApp kleine Nachrichten. Zoë lebt. Sie ist gesund. Sie ist weg aus dem Himalaya und auf nach Bikaner. Diesmal war der Zug pünktlich und das Umbuchen auf einen späteren Anschlusszug erwies sich als unnötig.

Ob sie heil in Bikaner angekommen ist und was da ihre Aufgabe ist – keine Ahnung. Seitdem gibt es keine Nachrichten mehr. An einem der letzten Tage ihres Aufenthaltes in Darjeeling gab es einmal die Gelegenheit mit ihr zu telefonieren. Das Leben dort ist ein (kleines) Drama. Warum sollte es dort anders sein? Leben ist IMMER ein Drama.

Zunächst einmal hat sie es fertig gebracht ihre Kreditkarte zu sperren durch dreimaliges Eingeben einer falschen PIN. Beim dritten Mal klemmte einfach eine Taste. Da ich  keine Vollmacht von ihrem Konto habe, bin ich machtlos. Zum Glück hatte ich ihr noch eine Reservekarte einer zweiten Bank ans Herz gelegt. Doch die kostet jedes Mal beim Abheben Geld.

Die Zustände vor Ort waren – wie schon im letzten Beitrag angedeutet – sehr altmodisch. Meine Tochter, die immer gerne „vintage“ gelebt hat und alles toll fand, was „früher“ war, lebte nun wie in dem Europa der 50ger Jahre, oder noch früher. Als Hilfslehrerin sollte sie nachmittags die Hausaufgabenbetreuung der Schulkinder bestreiten und ihnen auch noch darüber hinaus Wissenswertes vermitteln, zB. Englisch. Da sie kein „Nativ-Speaker“ ist, fehlte ihr einfach das Material, was Kinder gerne machen: Kreis-Spiele, musikalische Spiele usw.

Die Kinder gehen schon mit vier Jahren in die Schule und müssen Lesen und Schreiben lernen. Dabei gilt ein strenges Reglement. Falsches Verhalten und falsche Antworten (!) werden mit Hieben bestraft. Linkshänder werden auf Rechts umgedreht. Einige Kinder sind vielleicht LRS-Kinder oder sogar Legastheniker. Doch so etwas kennt man dort nicht. Mit Schlägen soll es gerichtet werden. Meine Tochter hatte früher auch LRS. Wie die meisten jungen Leute heute. Wenn man erst mal einfach so schreiben darf „wie man will“ (Sommer-Stumpenhorst-Methode) damit langsam ein „Gespür für die Rechtschreibung“ entwickelt werden kann, dann ist vom ersten Moment kein „Gefühl für die Notwendigkeit der richtigen Orthografie“ gegeben.

„Vater wird nicht mit F geschrieben!“ – „Ist doch egal! Die Lehrerin weiß doch, was gemeint ist und darauf kommt es an!“

Aha.

Bei mir war das anders. Ich habe alles auswendig gelernt. Jedes Wort. Einmal wusste ich in einem Diktat nicht, wie „Möhre“ geschrieben wurde und schrieb Karotte. Das wusste ich, wie das geschrieben wurde. Doch ich hätte den 50/50 Joker nehmen sollen und mich für eine Version von Möhre/Möre entscheiden müssen. Karotte wurde mir definitiv als Fehler angestrichen.

Meine Tochter wurde nie geschlagen, weil sie nicht Lesen und Schreiben konnte. Doch, vielleicht schon, aber nur mit Worten. Noch in der zehnten Klasse bekam sie immer eine Note schlechter in ihren Arbeiten, weil da locker mehr als 80 Fehler angestrichen waren. Mutter-Tochter-Versuche im vierten Schuljahr mit  kleinen Abschreibtexten das Defizit zu beheben, endeten im Chaos.  (Jaja, diese kleinen pfiffigen Abschreibtexte, auch von Sommer-Stumpenhorst, genau von eben diesem, der behauptet, das geübte Diktate keinen Zweck haben „seitdem man weiß, dass man sich zwar im Kurzzeitgedächtnis Wörter merken kann, man sich dadurch aber kein Rechtschreibgespür aneignet.“)

Wieso sollten dann Abschreibtexte (4. Schuljahr) sinnvoller sein als geübte Diktate?

Und jetzt muss diese junge Frau, die mittlerweile fehlerfrei WhatsApp-Nachrichten schreibt (wahrscheinlich dank Autokorrektur…)  Leidensgenossen ahnden, die, wie sie damals, Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben haben. Das ist, als wenn man sich selbst schlagen muss, weil man „so blöd ist, etwas nicht zu begreifen“. Doch die eigentlichen Ursachen interessieren niemanden.

Könnte ja auch sein, dass einige der Kinder einfach eine Brille bräuchten… und außer den normalen Kurz- und Weitsichtigkeiten gibt es ja auch noch andere Augenerkrankungen – nur mal so als Idee. Was habe ich alles versucht und untersuchen lassen, warum meine Tochter nicht Lesen und Schreiben kann und daher nach dem vierten Schuljahr „nur“ eine Hauptschulempfehlung bekam! Ganz abgefahren waren die Untersuchungen zu einer potentiellen „Winkelfehlsichtigkeit“. Doch zum Glück war meine Tochter nicht betroffen. Ich tippe im Nachhinein auf die Unterrichtsmethode in Verbindung mit 5 (!) verschiedenen Lehrerinnen in vier Jahren. Jede hat das irgendwie anders gemacht. Verwirrung pur. Aber: trotz Hauptschulempfehlung gab es ein gutes Abi (1,8). Und Nachhilfe hat sie nie bekommen. Und da behaupte noch einmal jemand, an Gesamtschulen kann man kein gutes (!) Abi machen!

Zoë als Lehrkraft in der Schule will natürlich vermeiden, die Kinder zu züchtigen wenn sie einen Fehler machen, oder wenn sie schwätzen, oder wenn sie vorsagen. Kann ich nach vollziehen. Da die Kinder Schläge gewohnt sind (und andere Strafen) flippen sie natürlich erst recht aus, wenn sie merken, dass es keine Konsequenzen hat, wenn sie laut rumschreien, quatschen und Blödsinn machen.

Am WhatsApp-Telefon fragte sie mich, ob es besser wäre, den Prinzipal der Schule um einen Termin zu bitten um ihren Unmut über die Gepflogenheiten an der Schule mit zu teilen oder ob sie ihm einen Brief schreiben solle. Ich meinte nur, dass es egal wäre, aber dass ich es gut fände, wenn sie etwas dazu sagen würde. Wenn zehn Volunteers etwas dazu sagen würde eines Tages vielleicht etwas passieren! Steter Tropfen! Und – oh Wunder – es gibt auch andere Schulen, in deren Statuten steht, dass an ihrer Schule NICHT geschlagen wird. Geht doch!

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6 Gedanken zu “26. September: WhatsApp Generation Weltreise – Die verlassenen Eltern”

  1. ich hatte in 13 jahren 10 verschiedene deutsch-lehrinnen, die sich einig waren, dass ICH würdig vieler strafen wäre, nur die prügelstrafe war gerade (ausserhalb) der familie abgeschafft worden, man durfte uns jedoch mit stockschlägen auf den tisch erschrecken…
    ICH, ich hatte immer ‚eine meinung‘ zu allen themen, jedoch keine schul-gerechte, die man z.b. der sekundärliteratur entnehmen hätte können, wenn (ich) gewusst hätte, dass es sowas gibt, folglich hatte ich NUR die eigete, die die lehrerinnen ärgerte.
    rückblickend bin ich froh, dass es heute völlig neue und zwar OFFENE bildungs-möglichkeiten ausprobiert werden, wenn auch noch selten.
    SCHULE IST VERGEWALTUNG der individuellen KREATIVITÄT. schau hin: ‚alphabeth‘ … DVD
    von GENIAL als baby bis restliche 2 % nach 7 jahren schulzeit.

    alles ist gut im UNIVERSUM
    BIN LUISE

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    1. Die Sache mit der Sekundärliteratur wusste ich auch nicht seinerzeit, ich fiel aus allen Wolken, als ich das erfuhr! Es war mir immer ein Rätsel, wie „die anderen“ immer so genau wissen konnten WAS man aus den Texten heraus interpretieren musste. Meine Sichtweisen waren immer falsch….
      Gruselig!

      Gefällt 1 Person

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