27. August – SALAT Generation Weltreise – die verlassenen Eltern

Meine Tochter ist jetzt da, wo ich mein Leben lang hin wollte: im Himalaya, jedenfalls in der Nähe. Als Volunteer in einem kleinen Hilfs-Zentrum packt sie mit an – und kommt an ihre Grenzen. Gezwungener Maßen muss sie die Gelegenheit nutzen, sich auf neuen Gebieten aus zu probieren. Da sie nicht blöd ist wird sie schon ihren Weg finden. Die Zustände vor Ort sind sehr frugal und sie meint, dass es vor Ort so Einiges zu verbessern gäbe.

Ich sitze hier zu Hause und beneide sie. Sie macht Erfahrungen, die ich nie mehr werde machen können. Sie wird in vielen Dingen zu einer Expertin werden und mich wissenstechnisch überholen. Mein Verstand sagt natürlich: gut so! So muss das sein! Aber tief drinnen erwischt es mich an einer empfindlichen Stelle. Meine Tochter holt auf, holt mich ein, überholt mich eines Tages.

Das ist der Lauf der Dinge. War ja immer klar. Eigentlich. Was ist denn daran so schwer? Konkurrenz? Übergabe des Staffelholzes?

Selbst empfinde ich mich meiner Mutter in vielen Dingen ebenfalls „voraus“, meiner Meinung nach jedenfalls. Sie wird das anders sehen. Oft meint sie, mir noch etwas beibringen zu müssen – oder können. Sogar in meinem Beruf, der eine Schnittmenge aus den beiden Berufen meiner Eltern bildet. Mein Vater meinte sehr früh: naja, Du machst das eben so und ich mache das eben anders. Ab dem Zeitpunkt haben wir uns durchaus  noch ausgetauscht, aber nicht mehr konkurriert. Meine Mutter weiß bis heute immerzu vieles „einfach besser“, nicht nur, wenn es um berufliche Aspekte geht, sondern auch schnöde Alltagsangelegenheiten. So ist sie nun mal. Salat muss man SO UND SO waschen! Nicht anders. Ihr das Pareto-Prinzip zu erklären wäre vergebene Liebesmüh‘.

Salat waschen mit dem Pareto-Prinzip:

Das Pareto-Prinzip besagt, dass man mit 20% Aufwand 80% des Ergebnisses erzielt. Wenn man nun einen fürchterlich verdreckten Salat waschen will so braucht man drei Waschdurchläufe und der Salat ist sauber! Beim ersten Waschdurchlauf werden 80% des Dreckes entfernt. Beim 2. Waschen sind die verbliebenen 20% die neuen 100%! Davon werden wieder 80% weg gewaschen. Jetzt sind von der Ausgangssituation nur noch reine 4% (stimmt das denn jetzt??) Dreck über. Wir waschen ein drittes Mal – und der Salat ist sauber!  (0,8% Dreck sind natürlich noch da… also ein Sandkorn oder so…)

Was ich von meiner Mutter übernommen habe ist die Tendenz zur Optimierung. Sie wäre die geborene Systemoptimiererin gewesen. Leider macht man sich damit nicht immer unbedingt Freunde….

Ein Beispiel aus meiner naiven Systemoptimierungs-Karriere:

20 Jahre her: Zeltlager mit dem Kampf-Sportverein. Ich war nicht unbedingt die Älteste, mittlerer Durchschnitt. Zehn Zelte sollten kommen. Als eine der frühesten Anwesenden regte ich an darüber nach zu denken, wie man den Platz wohl am besten für alle organisiert und gegen andere Verbände charmant behauptet. Ich erntete nur fragende Blicke….

Die nächsten Ankömmlige bauten dann völlig bescheuert mitten in den Platz hinein ihr Zelt. Niemand dachte an das große Ganze! Auf meine Frage, wo denn jetzt die restlichen Zelte hin gebaut werden sollten (und eine Partei kam erst sehr spät in der Nacht) kam nur verständnisloses Achselzucken. Resigniert zuckte ich mit den Achseln zurück: tja, dann werden wohl die anderen hier nicht mehr bei uns aufschlagen können. Schade. Oder ihr müsst in der Nacht umbauen… – und natürlich wurden dann nachts einige Zelte noch einmal „umgeklopft“ und alle fanden so Platz. Doppelte Arbeit. Ich verstehe es nicht… hätte doch alles so einfach sein können.

Noch schlimmer war die Gestaltung des gemeinsamen Küchenzeltes, wo alle bei Regen drunter Platz finden sollten UND auch noch gekocht werden musste. Das gleiche Prozedere. Die Aufstellung der Bierzeltgarnituren war dermaßen willkürlich, dass weder alle Platz fanden noch gekocht werden konnte. Meine Zeichnung, wie alles „besser“ gestellt werden könnte wurde mit Stöhnen abgelehnt. Selbst diejenigen, die die Bänke mit mir zusammen hinein getragen hatten waren völlig taub ob meiner Anregungen. Ich nervte wohl mit meiner „Besserwisserei“. – Dann kam der erste Regen… und wie von Zauberhand räumten alle um… nach meinem Plan – und es war sogar noch Platz für die Vorräte und das Bier. Geht doch!

Was ich später bergiffen habe ist, dass durch meinen Vorschlag ein anderes System kritisiert wurde. Das Bestehende hat sich organisch entwickelt ohne dass groß darüber nachgedacht wurde. Solange es für alle ok ist besteht kein Handlungsbedarf. Erst wenn ein Mißstand eintritt wird reagiert. Die Ankündigung eines drohenden Mißstandes reicht scheinbar nicht. Im Gegenteil: der Überbringer der schlechten Nachricht gerät in den Verdacht sich bloß wichtig machen zu wollen.

Daher wurde ich auf diesem Gebiet vorsichtiger.

Bei mir geht so ein Optimierungsgedanke quasi direkt durch das Kleinhirn. Ich denke nicht nach über gewisse Befindlichkeiten, die an der Aufstellung von Mobiliar oder seiner Einrichtung hängen könnten. Aus schlechten Gewohnheiten sollte man schleunigst raus!

Für mich selbst mache ich das aus einem einfachen Grund: Faulheit. Sechs Schritte hin und zurück um einen Pfannenheber zu holen wäre mir zu viel. Also tausche ich flott mal kurzerhand Schubladen in fremden Küchen von frisch umgezogenen Freundinnen. Ich weiß, das geht gar nicht. Seufz. Meine Freundin braucht eben diese Bewegung! Doch nass werden weil die Bänke Kreuz und Rüben im Küchenzelt stehen finde ich völlig unnötig. Lust auf doppelte Arbeit – mitten in der Nacht Zelte umklopfen – na das brauche ich schon gleich gar nicht. Die anderen aber scheinbar schon. Seltsam.

Und nun macht meine Tochter die Erfahrung, dass dort im Himalaya alles nicht so „optimal“ ist… ganz Mutters Kind. Verbesserungsvorschläge sind eher nicht erwünscht und werden vielleicht sogar als Kritik aufgefasst und könnten wahrscheinlich mangels Mittel gar nicht umgsetzt werden. Vielleicht ist ja auch alles gut so wie es ist. Haupsache ist doch, dass einfach irgend etwas etwas getan wird, egal was!

Das Pareto-Prinzip lässt grüßen!

Alles, was getan wird ist eine großartige Verbesserung.

Es muss nicht immer perfekt sein!

Mittelmaß reicht aus!

Also einfach machen, egal wie.

Mal sehen was Zoë daraus macht. – Vielleicht werde ich es nie erfahren…

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3 Gedanken zu “27. August – SALAT Generation Weltreise – die verlassenen Eltern”

  1. Ich empfinde es als einen Erfolg, dass meine Kinder mehr wissen, mehr können…..jetzt, wo sie erwachsen sind. Bei mir ist es auch so, dass sie viele Dinge machen, die ich nie gemacht habe.

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    1. Absolut. Andererseits „müssen“ die Kinder nicht „mehr“ können als sie eben können wollen. (ups, ob das jetzt klar wird was ich meine?!?) Sie leben einfach ihr Leben, mehr muss nicht sein.

      Mein Blues ist, dass ich gerne auch noch so viel machen würde…. aber gewisse Dinge gehen eben nur in einem bestimmten Alter. Damit muss man sich eben abfinden.

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      1. Es geht doch noch so viel…es ist nur anders, denke ich . Dafür hast DU sehr viel mehr Wissen und Erfahrung als Deine Tochter, was Erlebnisse ja auch anders erscheinen lässt…..

        ich verstehe „können“ 😉

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