07. August – Omas haben auch Gefühle – Generation Weltreise: die verlassenen Eltern

Mein AB quillt über vor Nachrichten. Alles meine Mutter. Sie mache sich Sorgen. Ob ich schon was von Zoë gehört hätte.

Ja klar. Kleine WhatsApps gab es, da lief sie durch Delhi. 12 Stunden Aufenthalt wollen irgendwie gestaltet werden. Dann noch einen Tag später ein Anruf von 2’38“. Alles gut. Mehr brauche ich nicht zu wissen. Die Schokolade im Rucksack war geschmolzen. (Ob sie in die Kleidung ausgelaufen ist? Oder hatte sie die Tüte um die Schokolade drum herum gelassen? Ach, auch egal, das ist marginal.) Die erste Station ist erreicht. Keine größeren Katastrophen. Internet geht – manchmal. Die Welt ist ein Dorf. Ich liebe WhatsApp, auch wenn ich mich lange geweigert habe, diesen Spion zu installieren. Egal. Jedes Emotical meiner Tochter gereicht zu meiner Beruhigung! Meine Mutter hat auch WhatsApp, aber scheinbar will sie mehr wissen! Sie hat sogar Zoë’s zweiten Eintrag in ihrem Blog gelesen. Ich habe beim ersten Blog-Bild sehr gelacht. Zuerst habe ich das Bild gar nicht verstanden… und ihr Kommentar dazu war auch köstlich. Beim zweiten Bild haben sich mein Mann und ich uns fragend angeschaut: ein Mann hatte sie angesprochen und ihr Delhi gezeigt und sie mit nach Hause (?) genommen? Zoë schreibt auf Englisch, was ich nicht so gut kann und sie macht auch einige Fehlerchen. Ob ich dann das alles so richtig verstehe weiß ich nicht. Das mit dem Mann hatte sie mir auch am Phone erzählt. Aber sie hatte nicht erzählt, dass sie ein Bild von dem Mann und ein Foto der „Karte“ (Ausweis?) an ihre Gast-Schwester geschickt hat. Immerhin. Ihre Gastschwester hatte im Vorfeld gemeint, Zoë solle den Tag über im sicheren Flughafen bleiben und dann mit einem Taxi zum Bahnhof fahren. Das wäre „safe“. (Dann wäre die Schokolade auch nicht geschmolzen). Aber was macht mein Mädchen? Sie setzt sich in die Metro…

Meine Mutter findet das unmöglich, dass sie sich von so einem Mann hat ansprechen lassen! Sie meint ich solle meiner Tochter mal ordentlich ins Gewissen reden! – Was das denn bewirken solle? –

Sofort streiten wir. Also sie streitet und will mich überzeugen, ich höre zu und bleibe bei meiner Meinung. Ich habe da eine völlig andere Haltung zu und langsam begreife ich, warum aus meinen Reiseplänen früher nie etwas geworden ist. Mein Fernweh war damals so stark dass es körperliche Schmerzen verursachte. Eigentlich wollte ich unbedingt meinen Aktionsradius weltweit erweitern. Immer noch ein Schrittchen weiter. Am Ende hoffte ich dann, dass mich mein Beruf viel in die weite Welt hinaus führen würde – was glücklicher Weise durchaus geklappt hat!

In meiner Jugend sind meine Eltern viel mit uns drei Kindern weg gefahren. Jeden Sommer waren wir woanders. Oft haben wir Frankreich bereist, aber auch die Schweiz, Österreich, das damalige Jugoslavien, Griechenland, Spanien. Immer im Auto mit Zelt. Anfangs war noch Marlies dabei, ein junges Mädchen, die meiner Mutter im Haushalt zur Hand ging und eine Hauswirtschaftslehre absolvierte. Die Ferienfahrten waren einfach wunderbar und wir waren eine tolle Familie. Leider bin ich mit meiner Tochter nicht oft verreist. Als „Familie“ sowieso nur homöopathisch. Sehr bedauerlich. Wenn es etwas gibt was ich liebend gerne hätte „besser“ machen wollen dann wären das gemeinsame Ferien gewesen! Doch dazu fehlte das nötige Kleingeld.

Nach meinem ABI 1979 flogen zwei oder drei Klassenkameraden erst einmal für lange Zeit in die weite Welt. Als ich das hörte musste ich schlucken, denn für mich wäre das nie in Frage gekommen. Schon allein finanziell hätte ich nicht gewusst wie ich das hätte realisieren können. Während meines Studiums musste ich auch 2 Tage die Woche arbeiten, sonst wäre ich nicht klar gekommen. Aber reisen wollte ich unbedingt! „Richtig“ lange verreist bin ich dann nie.

Nach dem Studium wurde aus meinen Reise-Plänen dann auch wieder nichts. So einfach meinen Job schmeißen und ohne Sicherheitsnetz aufbrechen – das konnte ich nicht rechnen. Krankenkasse musste weiter laufen, das Finanzamt wollte immer Vorrauszahlungen haben, wohin mit meinen Möbeln und Instrumenten? Aber eigentlich kann ich mich nicht beschweren, denn mein Job ermöglichte mir die ein oder andere berufliche Reise. Das war klasse! Immerhin kam ich ja aus einer Familie, die manchmal wie eine Zirkusfamilie funktionierte. Mein Vater plante öfters riesige Events, wo dann Bühnen aufgebaut werden mussten, Anlage, Zelte usw. Viele Leute mussten mitmachen und coordiniert werden. „Geht nicht gibt’s nicht!“ Immer klappte es am Ende irgendwie.

Und jetzt telefonierte ich also mit meiner Mutter. Sie fragte Dinge, die ich auch nicht weiß, dann fragte sie, warum ich das denn nicht wissen würde. Dann meinte sie, ich solle einen besseren Job also Mutter machen und meiner Tochter mal ins Gewissen reden. Und ich solle doch öfters vorbei kommen. Und… und… und…

Meiner Mutter zu erklären, was sie da gerade mit mir macht ist sinnlos. Sie würde es nicht verstehen. Ich kann verstehen, dass sie sich auch Sorgen macht um meine Zoë. Aber noch mehr Sorgen mache ihr eigentlich: … tja, ich habe ja auch noch eine Schwester, und die hat auch eine nette kleine Familie mit vielen Achs und Wehs. Und die passenden Lösungen für diese Achs und Wehs hat meine Mutter auch direkt dazu! Wie praktisch. Leider nützen Omas Ratschläge, Einsichten und Überlegungen nichts. Jeder Mensch muss die Dinge für sich selbst lösen und niemand weiß für andere, was „besser“ für sie oder ihn wäre! So eine Oma weiß das eben auch nicht. Aber davon will sie nichts wissen.

Vielleicht war es gut für Zoë, dass sie von dem Mann in Delhi angesprochen wurde. Sie ist ja nicht blöde und muss die Situation selbst einschätzen! Erfahrungen machen und daraus lernen!

Sicherlich will ich nicht, dass meine Tochter schlechte Erfahrungen macht! Aber ganz ehrlich: das Leben besteht die ganze Zeit pausenlos aus kleinen Beinahe-Unfällen! Das fängt als Säugling an und hört im Alter nicht auf!

Meistens is immer noch allet jot jejangen.

So sagt man hier bei uns!

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Published by: mutterjob

Spät wurde ich Mutter. Viel zu früh ist meine Tochter weg. Was war oder ist mein Job? Habe ich meinen Job halbwegs gut gemacht? Kann man den Mutterjob überhaupt "gut" oder sogar "perfekt" machen?

Katgeorien Allgemein4 Kommentare

4 Gedanken zu “07. August – Omas haben auch Gefühle – Generation Weltreise: die verlassenen Eltern”

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