03. August – Generation Weltreise – Mutterjob: ….und wenn sie groß sind dann gib ihnen Flügel

Am 1. August 2015 flog sie also für ein Jahr fort in die Welt: meine Tochter Zoë.

Ziel: Indien, Flugticket: one-way Frankfurt-Delhi. Sie ist 19 Jahre alt, als es los geht. Seit dem Kindergarten antwortete sie auf Fragen, was sie denn später mal machen wolle wenn sie groß ist: ich mache eine Weltreise. Aha.
Ich stand daneben und dachte, ach… das ist ja noch lange hin… und zwischendurch wollte sie ja auch mal Prinzessin oder sogar Schauspielerin werden. Wie das eben so ist mit den Kleinen – Wünsche ändern sich. Da war ich mir sicher. Doch ich lag falsch. Der Wunsch blieb.

Vielleicht war das ja auch eigentlich alles meine Schuld: Als mich die Vierjährige seinerzeit fragte: Mama, gibt es eigentlich die Berge, wo die Heidi mit ihrem Almöhi wohnt, WIRKLICH? – war meine Reaktion ganz einfach: wir fuhren hin. In die Schweiz. In die Berge. Aha. Es waren wunderbare Tage, nur Heidi war leider nicht da. Heidi war erfunden. Die Berge aber gab es WIRKLICH!

Später, mit 14 Jahren, „musste“ (!) Zoë eine Woche mit ihrer Freundin nach Venedig, alleine. Ich starb tausend Tode, baute Bedingungen ein und und und, aber es half alles nichts, sie und ihre Freundin ließen sich nicht beirren und reisten nach Venedig. Die Mutter der Freundin meinte: es müssen ja nicht immer „gute“ Erfahrungen sein. Insgeheim hoffte ich, der Trip wäre abschreckend und der Bedarf an Abenteuerlust gedeckt. Mitnichten. Der Trip war tatsächlich sehr durchwachsen, doch beide kamen – glücklicherweise – heil zurück!

Sofort wurde das nächstes Ziel verfolgt: Austauschjahr im 11. Schuljahr. Praktisch, wenn man in eine Gesamtschule geht, dann geht das. Meine Bedingung: sie muss das alleine organisieren und sie soll sich um ein Stipendium kümmern! Ohne Stipendium wäre es mir nicht möglich diesen Wunsch zu finanzieren. Natürlich würde ich meinen Mutter-Job machen und Anträge unterschreiben, klar. Aber sie müsse alles alleine regeln! Diese Bedingung war auch als kleine Hürde gedacht. Damals hatte ich allerdings tatsächlich kaum Zeit und Geld mich um diese Grille meiner Tochter zu kümmern. Insgeheim hoffte ich natürlich, dass ihre Bequemlichkeit siegen würde und sie alle Deadlines verpassen würde. Doch keine Ahnung wann und wie sie es geschafft hat, am Ende hatte sie sich bei 5 (fünf!) Organisationen um ein Stipendium beworben und 3 (drei!) Zusagen für Stipendien erhalten. Erstaunlich! Zwischen Türkei, Argentinien und Indien entschied sie sich dann für letzteres: Indien. Innerlich brach ich zusammen: Malaria, Tollwut usw. und dazwischen meine Tochter, die solche Gefahren einfach ignorierte: „so schlimm können die Mückenstiche doch nicht sein, Mama…“!
In Indien hat sie es dann 2012 gut getroffen bei einer sehr sehr netten Familie und endlich hatte das Einzelkind Geschwister: zwei Schwestern! Ihr absoluter Traum! Eine heile Familie!

Auf die Rückkehr folgte dann das Abitur. Wer sagt, dass man an Gesamtschulen im allgemeinen (und unserer insbesonders) kein GUTES Abi machen könnte, den kann das Beispiel meiner Tochter mit einem sehr guten Schnitt eines Besseren belehren. Aber das ist ein anderes Thema.

Natürlich wollte meine Tochter immer noch nach dem Abi weg. Dazu braucht man: Geld! Wir handelten einen Deal aus und sie sparte und sparte. Kleidung vom Flohmarkt und Second Hand, Essen in der Schule immer selbst mitbringen statt Kantine usw. – Hobbys durften nichts kosten, also Joggen, Tanzen gehen und Jugendtreffs in der Kirche. Luxus war nur Summerjam und Wanderurlaub bzw Radwanderurlaub mit Freundinnen, aber auch da: bloß kein großes Geld ausgeben. Alle Zuwendungen von Omas, Tanten und sonst wem kamen in den Strumpf! Also in den Online-Strumpf natürlich. Wer da noch etwas dazu tun will, melde sich einfach *lächel*!

Schon im Januar 2015 buchte sie irgendwann so zwischendurch einen Flug, zusammen mit meinem Mann. One-Way. Frankfurt-Delhi, direkt. Ihr Vater schien das ok zu finden. Wir reden sowieso nur noch homöopathisch miteinander.

Die letzte Woche vor ihrem Abflug war für mich die Hölle. Ich tat das, was ich bisher vermieden hatte: Informationen sammeln, Blogs lesen usw. Ich kaufte daraufhin ein Mückennetz, Seideninlay-Schlafsack, leichte Regenjacke statt dem alten Ungetüm, sie bekam neue Wanderschuhe, die ich heute wieder zurück brachte usw. Meine Tochter fand das zwar „süß“ irgendwie aber alles nicht nötig. Sie wollte diesen ganzen „Konsumkram“ nicht. Aber ich konnte ihr noch ein Notfall-Medikament gegen Malaria ans Herz legen und habe einen Teil ihre Kleidung auch noch gegen Mücken imprägniert. Jetzt ist sie da erst einmal ein wenig besser geschützt für 2-4 Monate bzw 2-4 Wäschen.

Und ich habe das Gefühl, etwas „getan“ zu haben: meinen Job als Mutter!
In Wirklichkeit habe ich allerdings aus Angst – oder sogar aus Panik gehandelt, denn ich habe KEINE Ahnung, was eine „gute“ Mutter alles tun muss. Innerlich habe ich gezittert und geheutl, äußerlich habe ich irgend einen (?) Aktionismus verbreitet, ob richtig oder falsch – keine Ahnung. Egal. Wenn die Generation Weltreise sowieso alles „besser“ weiß und „alleine“ machen will was bleibt dann übrig zu tun? Außer den Abflugtermin wusste ich lange Zeit NICHTS! Meine Tochter buchte irgendwelche Züge innerhalb Indiens und wenn ich nach Details fragte kamen keine näheren Infos.

Umgekehrt war das ja eigentlich auch immer so für sie: wenn ich unterwegs war habe ich ihr ja auch nie die Zugnummern oder Abteilnummern meiner Fahrten mitgeteilt… wieso sollte das umgekehrt jetzt nötig sein!

So standen wir dann am 1.8.2015 zusammen am Flughafen, verabschiedeten uns herzlich, meine Nerven lagen blank und als sie dann durch den Zoll ging hatte ich erst einmal einen Heulkrampf. Der einzige Trost für mich war, dass es für meine Tochter jetzt endlich los in die weite Welt geht und sich ein Traum erfüllt! Wenn nicht jetzt, wann dann!!

Also, mein kleines Vögelchen: Flieg! Flieg los! Flieg in die weite weite Welt hinein und schaue Dir alles gut an! Du wirst irgendwann irgendwo DEINEN Platz finden!!

Flieg, Vögelchen flieg!

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3 Gedanken zu “03. August – Generation Weltreise – Mutterjob: ….und wenn sie groß sind dann gib ihnen Flügel”

  1. irgendwie hast dus geschafft bis heute homöopathisch und anders und physisch überleben. deine tochter wirds auch und wenn nicht, dann wirst DU herausfinden, „wofür es gut war“.
    LIEBES, DEINE worte sind offen … gut … wenn alles klar wie klärchen wäre, wärs nicht das LEBEN.
    ICH UMARME DICH SANFT … BIN LUISE

    Gefällt 2 Personen

  2. Perfekt ist nicht das Gegenteil von un-perfekt. Das ist das Geheimnis, doch das können viele nicht verstehen! Perfekt ist ALLES, immer und zu jeder Zeit. Jeder Tod ist: perfekt. Perfekt ist nicht gleich „GUT“. Oder „RICHTIG“ – denn es gibt kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht. Trotzdem, als Mutter will man nicht, dass die Kinder leiden… aber irgendwann kann man nichts mehr besseres tun als zuschauen!

    Gefällt 2 Personen

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